Coronavirus: Wie sinnvoll ist die Sperrstunde?

Ausgetrunken: Ab 23 Uhr bleiben Berliner Bars ab dem Wochenende geschlossen

In Australien gibt es die Bezeichnung „Six o’clock swill“. Sie geht aufs 20. Jahrhundert zurück, als australische Hotels ihre Bars um 18 Uhr schließen mussten: Viele Arbeiter stürmten in der letzten Stunde davor noch schnell hinein, um sich exzessiv zu betrinken.

Am Wochenende sollen in Frankfurt, Berlin und anderen deutschen Städten die Bars, Restaurants und Kneipen ab 22 beziehungsweise 23 Uhr schließen. Es ist eine Reaktion auf die steigenden Corona-Fallzahlen in einigen deutschen Großstädten.

In Großbritannien gilt die 22-Uhr-Sperrstunde bereits seit September. Auf Twitter machten sich zahlreiche User über die Maßnahme lustig. Sie witzelten, dass das Coronavirus erst ab zehn Uhr nachts aktiv sei. Oder dass man nun eben früher anfangen müsse, zu trinken.

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Dennoch erhoffen sich Lokalpolitiker, durch die Maßnahme ausufernde Partys und alkoholbedingte Unvorsichtigkeit einzuschränken. Doch selbst der leitende Epidemiologe des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, Gérard Krause, zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Sperrstunde. Im Interview erklärt er, worauf sich die Bundesregierung in den kommenden Wintermonaten stattdessen konzentrieren sollte.

Gérard Krause ist Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Infektionsepidemiologie trägt zur Entwicklung von Präventionsmaßnahmen ebenso wie zur Früherkennung und Therapie von Erkrankungen bei.

SPIEGEL: Herr Krause, die Corona-Fallzahlen steigen in Deutschland wieder drastisch. Um einen Shutdown wie im März und April zu vermeiden, gibt es nun lokale Sperrstunden, Alkoholverkaufsverbote oder Übernachtungsverbote für Gäste aus Hotspots. Können diese Maßnahmen das Virus effektiv eindämmen?

Krause: Ich bin da etwas hin- und hergerissen. Wenn man Betriebszeiten grundsätzlich kürzt, dann bedeutet das ja, dass mehr Kunden in einer kürzeren Zeit zusammenkommen könnten. Auf der anderen Seite kann es helfen zu vermeiden, dass die Menschen durch Alkoholkonsum enthemmt auf engsten Räumen die Hygieneregeln vernachlässigen.

SPIEGEL: Sperrstunden sind also kein gängiges epidemiologisches Instrument?

Krause: Vor 2020 ist mir jedenfalls nie untergekommen, dass Sperrstunden als Infektionsschutzmaßnahme in Erwägung gezogen wurden.

SPIEGEL: Und was wäre dann eine Maßnahme, die aus epidemiologischer Sicht sinnvoll wäre?

Krause: Ich will nicht ausschließen, dass sie sinnvoll ist, aber es macht mir Sorge, dass diese ganzen Diskussionen um Alkoholverbote, Übernachtungsverbote und Ausgangssperren unsere Aufmerksamkeit von einem sehr viel wichtigeren Punkt ablenken: dem Schutz der Risikogruppen.

SPIEGEL: Aber wenn die Infektionszahlen allgemein gering bleiben, schützt das doch auch die Risikogruppen.

Krause: Ja, es senkt das Expositionsrisiko indirekt auch für die Risikogruppen, aber zusätzlich müssen wir den direkten Schutz dieser Gruppen stärken. Ich bedaure, dass der Schutz der alten Bevölkerung nicht im Mittelpunkt der Debatte steht. Stattdessen sprechen wir über Bußgelder für Einzelne, die „Mickey Mouse“ auf ihr Datenblatt im Restaurant schreiben. Wir arbeiten uns an Schulklassen und kleinen Betrieben ab, statt uns den Herausforderungen zum direkten Schutz der älteren Bevölkerung zu stellen.

SPIEGEL: Auch unter Jüngeren sind inzwischen schwere Verläufe und Langzeitfolgen bekannt. Muss man nicht alle schützen?

Krause: Ja, das ist richtig. Und um ebendiese riesige Herausforderung zu bewältigen, müssen wir da ansetzen, wo unsere Maßnahmen und Ressourcen den besten Effekt versprechen. Wir wissen inzwischen, dass die allermeisten jungen Menschen ohne Risikofaktoren eine Infektion mit Sars-CoV-2 gut überstehen. Alte Menschen hingegen haben ein -zigfach höheres Risiko, an dieser Infektion zu sterben. Aus epidemiologischer Sicht müssen wir also auf diese Personengruppen unseren Fokus legen und sie bestmöglich schützen. Die Bewältigung der Pandemie entscheidet sich in den Altenheimen und nicht in den Klassenräumen der Schulen oder den Foyers der Hotels.

SPIEGEL: Im März und April gab es deshalb Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen. Die Folge ist Vereinsamung, Depression und Verunsicherung. Ist das der richtige Weg?

Krause: Nein. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Menschen geschützt werden und trotzdem an der Gesellschaft teilhaben können. Dazu sind Kreativität, Intelligenz und Geld nötig. Vor allem: Wir können die Altenheime und mobilen Pflegedienste mit dieser Herausforderung nicht allein lassen.

SPIEGEL: Können Sie da etwas konkreter werden?

Krause: Das könnte zum Beispiel sein, dass man Besuche in Alten- und Pflegeheimen ermöglicht, aber dabei geschulte Pflegekräfte allen Besuchern erklären, wie sie sich am besten verhalten können, wie sie sich die Hände desinfizieren, wie sie sich richtig den Mundschutz anlegen. In Krankenhäusern ist das schon größtenteils üblich, aber nicht in Altenheimen, denn da fehlt es wohl häufig an Ressourcen.

SPIEGEL: Wir haben es im Frühjahr schon einmal geschafft, die Infektionszahlen mit sehr strikten Maßnahmen herunterzudrücken. Warum macht man jetzt nicht genau das gleiche?

Krause: Am Anfang war die Strategie, die Pandemie möglichst zu verlangsamen, um Zeit zu gewinnen: Wir mussten Krankenhäuser, Intensivbetten und die Gesundheitsämter aufrüsten. Masken mussten beschafft und Hygienekonzepte erarbeitet werden. Zu diesem Zeitpunkt war das richtig, da waren wir noch unvorbereitet. Jetzt sind wir mitten in der Pandemie, sie ist nicht mehr zu stoppen. Im Mittelpunkt steht jetzt die Abmilderung des Schadens: gesellschaftlicher Art, gesundheitlicher Art und wirtschaftlicher Art.

SPIEGEL: Wenn ich Sie richtig verstehe, sollte das Ziel also gar nicht sein, die Gesamt-Fallzahlen einzudämmen?

Krause: Eindämmen im Sinne von „die Verbreitung unterbrechen“ kann nicht mehr das Ziel sein. Das Virus ist doch schon überall. Eindämmen im Sinne von „die Folgen mindern“ – natürlich! Die Pandemie im wörtlichen Sinne zu stoppen, ist nach meiner Einschätzung schlicht nicht möglich. Hoffnungen in diese Richtung zu wecken, droht Enttäuschung zu erzeugen und riskiert die Akzeptanz der Maßnahmen. Man kann jedoch durch ein geschicktes Ausbalancieren der Maßnahmen die Schäden der Pandemie abschwächen. Das sollte das Ziel sein. Denn alles, was wir tun, hat einen erwünschten und einen unerwünschten Effekt. Im Frühjahr war der erwünschte Effekt, dass die Zahl schwerer Erkrankungen in Deutschland recht niedrig blieb und der unerwünschte, dass viele Menschen in wirtschaftliche Krisen gerieten, die mit zeitlichen Verzug vermutlich auch gesundheitliche Folgen haben werden. Das war damals vielleicht unvermeidlich. Jetzt sind wir aber in einer anderen Situation und müssen versuchen, die unerwünschten Effekte niedriger zu halten – mit ebenso entschiedenen, aber gezielteren Präventionsstrategien. 

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