Booster

Die Impfverantwortung lastet nun auf den Schultern der Hausärzte

Mein Opa wird im Dezember 87 Jahre alt, oder wie er sagt: »Ich bin jetzt auch nicht mehr der Jüngste.« Er lebt in einem Dorf in der Nähe von Würzburg, rund 7600 Einwohner. Die Menge seiner Kontakte ist überschaubar. Er geht in die Kirche, zum Einkaufen, ab und zu kommen die Kinder und Enkelkinder zu Besuch, zum Arzt geht er nur, »wenn’s zwickt«.

Die meisten, die er trifft, sind unvorsichtiger geworden, mich selbst inbegriffen. Viele sind geimpft und ein Stück zur Normalität zurückgekehrt. 2G-Regelungen in Restaurants oder Kinos unterstreichen dieses Gefühl.

Impfdurchbrüche für Alte gefährlicher

Seit gut einer Woche liegt die bundesweite Coronainzidenz wieder über 100, die Zahl der Neuinfektionen steigt. Ebenso füllen sich die Intensivstationen, leider auch mit Menschen, die vollständig geimpft sind. Statistisch ist das ein normaler Effekt.

Wie der aktuelle RKI-Wochenbericht zeigt, sind es vor allem die über 60-Jährigen, die trotz vollständiger Impfung schwere Verläufe erleiden. Ihr Immunsystem springt ohnehin schlechter auf die Impfung an, zudem liegt die Impfserie bei ihnen schon länger zurück.


Mein Opa wurde im März im Impfzentrum mit dem Mittel von Moderna geimpft. Seit ein paar Wochen mache ich mir daher wieder Sorgen. Was, wenn mein Opa sich jetzt ansteckt? Wie gut ist er dann noch vor einem schweren Covid-19-Verlauf geschützt?

Google? Für Ältere eine Hürde

Ich fragte ihn also, ob er sich auch zum dritten Mal impfen lassen würde. »Ja, klar«, sagte er. Aber bisher habe sich noch niemand bei ihm gemeldet. Das letzte Mal habe er einen Brief bekommen. Und erst neulich sei er beim Hausarzt im Dorf gewesen, zur Grippeschutzimpfung, der hätte ihm doch gesagt, wenn er die Coronaimpfung auch gebraucht hätte.

Ich rief seinen Hausarzt an. Da mein Opa im Impfzentrum geimpft wurde, werde er bei ihnen nicht als möglicher Impfkandidat gelistet, sagte man mir. Zudem könne der Hausarzt meinen Opa leider nicht impfen, da er nur Biontech verimpfe. Von einem Wechsel von einem mRNA-Impfstoff auf einen anderen würden sie aufgrund der nicht klar vorgegebenen Richtlinien absehen. Es gebe doch noch die mobilen Impfteams, an die möge ich mich bitte wenden.

Ich googelte. Spätestens hier wäre mein Opa am Ende des ihm Möglichen gewesen. Er, Jahrgang 1934, hat weder einen Computer noch ein Smartphone. Die Bedienung seines Seniorenhandys überfordert ihn schon.


Ich ergoogelte, dass in seinem Dorf in einem Monat ein mobiles Impfteam für einen Nachmittag bereitstehen wird. Welche Impfstoffe dort dann verabreicht werden, stand nicht dabei. Auch ein Anruf bei der genannten Hotline konnte das nicht aufklären. Ich solle es doch mal bei seinem Hausarzt versuchen, das seien doch die Ansprechpartner Nummer eins jetzt.

Sorgfältig las ich noch einmal die Stiko-Empfehlungen. »Für die Auffrischimpfung soll möglichst der mRNA-Impfstoff benutzt werden, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung gekommen ist. Wenn dieser nicht verfügbar oder noch nicht für die Auffrischimpfung zugelassen ist, kann auch der jeweils andere mRNA-Impfstoff eingesetzt werden«, steht da. Ich rief erneut den Hausarzt an, diesmal war eine andere Praxishelferin am Telefon. Ich zitierte aus den Stiko-Empfehlungen und forderte die Drittimpfung für meinen Opa.

Oh, sie hätten doch Moderna da, nur leider sehr wenige Ampullen. Sie könnten nicht für Einzelpatienten eine ganze Ampulle öffnen und den Rest dann wegschmeißen. Man könne Opa jedoch auf die Warteliste setzen und ihn anrufen, wenn genügend Impflinge zusammenkommen.

Vertrauen ist beim Hausarzt

Ich sagte meinem Opa, der Hausarzt werde sich bei ihm melden. Er war zufrieden und wartet jetzt auf den Anruf seines Arztes, dem er in gesundheitlichen Fragen vertraut. Von sich aus wäre mein Opa nicht auf diese Warteliste gekommen. Genauso wie er bei der Erst- und Zweitimpfung nur dank meiner Mutter einen Termin im Impfzentrum bekommen hat.

Unweigerlich stellt sich die Frage, wie vielen anderen Älteren es wohl genauso geht. Und wie vielen es so geht, die bisher noch gar nicht geimpft sind. Bei den Drittimpfungen allein auf Eigeninitiative zu setzen, geht an der Lebensrealität von vielen alten Menschen vorbei, für die die Booster-Impfung in diesem Winter überlebenswichtig sein kann.

Hier sollten die Hausärzte ins Spiel kommen. Als die Impfkampagne Anfang des Jahres über die Impfzentren startete, war der Aufschrei der niedergelassenen Ärzte groß. Sie wollten mit einbezogen werden. Sie seien schließlich diejenigen, die am nächsten an ihren Patienten seien, denen ihre Patientinnen vertrauten. Erst an Ostern bekamen auch sie Impfstoff bereitgestellt und konnten die Impfkampagne so maßgeblich ankurbeln.

Möglicherweise ist der Fall meines Opas eine ärgerliche Ausnahme. Doch auch in der Redaktion erreichen uns immer wieder Zuschriften, die ähnliche Komplikationen beschreiben. Bis Ende des Jahres sollten laut Stiko-Empfehlungen 15 Millionen Menschen eine Booster-Impfung erhalten. Bisher haben erst rund zwei Millionen Menschen das Angebot wahrgenommen.

Ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sagte mir neulich auf die Frage, warum die niedergelassenen Ärzte ihre Patientinnen und Patienten nicht anrufen oder anschreiben: Einige Praxen machten das, doch viele könnten das nicht leisten. Er hoffe nun auf »die Macht der Enkel und Kinder«.

Doch was ist mit denjenigen, die keine Enkel oder Kinder haben? Oder deren Enkel und Kinder in der Informationsflut selbst nicht mehr durchblicken?

Ja, der Gesundheitsminister hat jetzt für die Drittimpfung geworben. Aber sein Ministerium verweist darauf, die Durchführung sei Ländersache. In Bayern, wo mein Opa wohnt und die Inzidenzen bei über 200 liegen, wird wieder auf die Hausärzte verwiesen.

Nachdem man die Hausärzte Anfang des Jahres lange gar nicht eingebunden hat, lastet die Impfverantwortung also auf einmal fast allein auf ihren Schultern. Sie müssen aufklären, erinnern und impfen, impfen, impfen. Dass das im Herbst, wo auch andere respiratorische Viren im Umlauf sind, die Grippeimpfung ansteht und die Coronafälle wieder steigen, eine riesige Herausforderung ist, ist klar. Auch ein Aufruf des Gesundheitsministers, der für eine Booster-Impfung für alle wirbt, erleichtert ihren Arbeitsalltag vermutlich nicht wirklich.

Aber es ist auch eine Chance. Denn wie sie selbst einst sagten: Die Hausärzte sind am nächsten dran an den Patienten und genießen ihr Vertrauen.

Wenn also ein über 80-Jähriger zu ihnen zur Grippeschutzimpfung kommt, könnten sie die Gelegenheit gleich nutzen, seinen Impfausweis zu checken und die Corona-Schutzimpfung direkt in den anderen Arm zu spritzen.

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