Münchener Apotheker entwickelt Nahrungsergänzungsmittel 

Die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) ist eine der Hauptursachen für Erblindung bei über 50-Jährigen in Industriestaaten. Ein erhebliches Potenzial bei der Behandlung wird bestimmten Inhaltsstoffen aus Braunalgen zugeschrieben, den Fucoidanen. Apotheker Berthold Pohl aus München hat sich gemeinsam mit einem Augenarzt von der TU München Gedanken gemacht, wie man dieses Potenzial nutzen und Patienten zugänglich machen kann. Das Ergebnis ist das Nahrungsergänzungsmittel Fucovision.

Apotheker Berthold Pohl, Inhaber der Max-Weber-Platz-Apotheke im Herzen von München, ist ein eher umtriebiger Kollege. Schon mehrfach hat er mit selbst entwickelten Rezepturen und ähnlichem auf sich aufmerksam gemacht. So hat er sich Gedanken über eine alternative Prüfvorschrift für Cannabisextrakt gemacht, weil die bestehende in seinen Augen nicht wirklich funktioniert und aufgrund der teuren Referenzsubstanzen unter Umständen für den niedergelassenen Apotheker ein Verlustgeschäft darstellt. Außerdem hat er vor einiger Zeit eine Camouflage-Kapsel entwickelt, um bitter schmeckende Wirkstoffe zu maskieren – sie hat einen Mantel aus Schokolade, der mit unterschiedlichen Arzneistoffen beladen werden kann. Zuletzt hat er mit der „Hamburger Lösung“, Kosmetikum zur Anwendung in der Mundhöhle nach HNO-ärztlicher Rezeptur, ein Produkt bis zur Marktreife gebracht. Pohl vermarktet es über sein eigenes Unternehmen Lighthouse Pharma.

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Sein neuestes Produkt ist ein Nahrungsergänzungsmittel für die Augen. Es ist entstanden auf Anregung von Professor Chris Lohmann, Chefarzt der Augenklinik im Klinikum Rechts der Isar in München, der völlig unerwartet im September verstorben ist. „Er war Stammkunde bei mir in der Apotheke“, erzählt Pohl im Gespräch mit der DAZ – seine Apotheke liegt unweit des Klinikums. „Er wusste, dass wir viel Rezeptur machen und da auch Neues ausprobieren. Deswegen kam er mit seiner Idee auf mich zu,“ so der Apotheker weiter.

Antioxidative Eigenschaften und VEGF-hemmende Wirkung

Lohmann, ein international angesehener Netzhaut-Chirurg, legte in Forschung und Therapie auch einen Schwerpunkt bei der altersbedingten Makuladegeneration. Besonders spannend fand er Erkenntnisse aus der Forschung an maritimen Algen: Sie enthalten Fucoidane, die zum einen antioxidative Eigenschaften aufweisen, zum anderen VEGF-hemmende Wirkung haben und dabei im Gegensatz zu anderen VEGF-Hemmstoffen, die in der Therapie der AMD einen festen Platz haben, oral verfügbar sind (siehe Kasten).

Was sind Fucoidane?

Fucoidane sind als Strukturpolysaccharide in den Zellwänden und der Interzellularsubstanz von Braun- und Rotalgen enthalten. Strukturell handelt sich dabei um sulfatierte Polysaccharide basierend auf dem Zucker Fucose. Die molekulare Struktur des jeweiligen Fucoidans variiert in Abhängigkeit der (Braun)-Algenspezies.

Braunalgen finden seit langem Verwendung in der ostasiatischen Küche. Als Quellen von insbesondere mineralischen Mikronährstoffen werden sie als Nahrungsergänzungsmittel genutzt. Weitere bekannte Verwendungen von Braunalgen sowie der darin vorkommenden Fucoidane sind für die Verbesserung der Darmgesundheit sowie die Verwendung in Haarwuchspräparaten oder Wundauflagen. Für manche Fucoidane sind antioxidative, neuroprotektive, immunmodulierende und Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF)-inhibierende Eigenschaften bekannt.

 An der Entwicklung entsprechender Arzneimittel zur Behandlung der AMD wird auch schon geforscht. Allerdings geht es in der Arzneimittelforschung selten so schnell wie bei den Corona-Impfstoffen und bis derartige Arzneimittel zur Zulassung kommen, wird noch einige Zeit dauern. Die Idee: Ein NEM um die Fucoidane den Patient:innen zugänglich machen. Lohmann hat die Entwicklung angeregt und beratend begleitet.

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