Millionen Arzt-Behandlungen entfallen in der Pandemie, Krankheiten bleiben lange unentdeckt – mit fatalen Folgen

Die Lunge schmerzt, der Rücken zwickt, der Darm rumort. Doch aus Angst, sich beim Arzt mit dem Coronavirus zu infizieren, machen viele einen Bogen um die Praxen. Millionen Behandlungen fielen seit Beginn der Pandemie aus. Das Zentralinstitut der Kassenärztlichen Versorgung geht allein für 2020 von mehr als 20 Millionen Behandlungen aus, die nicht stattfanden. Das Wissenschaftliche Institut der AOK gibt an, dass zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 20 Prozent weniger Behandlungen als im Vorjahr stattfanden, dabei waren es bereits 2020 27 Prozent weniger als 2019. Zahlen, die nicht etwa belegen, dass die Menschen in Deutschland plötzlich gesünder sind. 

Welche Auswirkungen eine verschleppte Diagnose haben kann, das zeigt sich unter anderem auf Krebs-Stationen. Report Mainz hat sich die Entwicklung bei Patienten mit Lungentumoren angesehen und dafür bei den 20 Krankenhäusern, welche die meisten Lungenkrebs-Patienten behandeln, nachgefragt. Denn Lungenkrebs muss schnell behandelt werden. Ist die Erkrankung fortgeschritten, können Ärzte oft nur noch wenig ausrichten. Statt Heilung bringen Therapien dann meist nur noch ein bisschen mehr Lebenszeit.

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Späte Diagnose, wenig Chancen

Im Mainzer Marienhaus-Klinikum konnten vor der Pandemie gut 41 Prozent der Lungenkrebs-Patienten operiert werden. 2021 war das nur noch bei einem Viertel der Fälle möglich. Bei den anderen waren die Tumore bereits zu groß, eine Operation zu gefährlich. Die Umfrage von Report Mainz ist zwar nicht repräsentativ, sie zeigt aber dennoch, dass die Mainzer mit ihren Erfahrungen nicht allein stehen. In vielen der befragten Krankenhäuser (71 Prozent) ist die Zahl der schwer an Lungenkrebs Erkrankten im Vergleich zu 2019 stark gestiegen. Allein in der Thorax-Klinik in Heidelberg und im Evangelischen Lungenkrankenhaus in Berlin um ein Fünftel. 

Experten warnen bereits seit Beginn der Pandemie vor den Gefahren versäumter Arztbesuche. So bemängelten sie einerseits, dass Betroffene Arztpraxen und Krankenhäuser scheuten, aus Angst, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken. Beobachtet wurde demnach, dass Patienten erst in sehr fortgeschrittenen Tumorstadien in die Klinik kamen. Bereits im Mai 2020 machte die Fachgesellschaft darauf aufmerksam, dass Vorsichts- und Schutzmaßnahmen getroffen worden seien, damit Patienten etwa Therapien sicher wahrnehmen können – und dass für die allermeisten Patienten der Krebs die "weitaus größere Gefahr für ihr Leben" darstelle als Covid-19. 

Falsche Risiko-Abwägung in der Corona-Zeit

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits im Mai vergangenen Jahres in einem ARD-Interview den Appell ausgesprochen, er könne "alle Kranken, chronisch wie akut Kranke, nur auffordern, ermuntern, tatsächlich auch zum Arzt zu gehen, wenn es nötig ist". Trotz Coronakrise sei es im Zweifel immer besser, zum Arzt zu gehen, insbesondere wenn es eine Beschwerde gibt oder wenn es um eine Kontroll­untersuchung für einen chronisch Kranken geht, sagte er. Im Februar empfahl er die Darmkrebsvorsorge. Aber reicht so ein Appell?

Der Anstieg der schweren Fälle sei eine Auswirkung einer verfehlten Krisenkommunikation des Bundesgesundheitsministeriums. So sieht das zumindest Ruth Hecker, Vorsitzende beim Aktionsbündnis Patientensicherheit. Sie glaube, dass der Bundesgesundheitsminister, "der die Galionsfigur in der Krise war, mehr Verantwortung hätte übernehmen müssen, um Zielgruppen spezifisch zu informieren", wird Hecker von "tagesschau" zitiert.

Ein Vorwurf, den das Ministerium in einer Erklärung an Report Mainz von sich weist und betont, dass es die behandelnden Ärztinnen und Ärzte seien, die am besten beurteilen können, was medizinisch-therapeutisch notwendig ist. Außerdem habe man stets deutlich gemacht, dass lediglich medizinisch nicht dringliche Operationen verschoben werden sollten.

Vernachlässigte Patienten?

Dennoch warnte noch Ende 2020 die Corona Task Force von Deutscher Krebshilfe (DKH), Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) und Deutscher Krebsgesellschaft (DKG) vor einer Vernachlässigung von Krebspatienten. Die Gruppe, welche die Versorgungssituation von Krebspatienten beobachtet, kritisierte: "Immer mehr onkologische Eingriffe werden verschoben, diagnostische Untersuchungen und Nachsorge teilweise stark zurückgefahren."

Betroffen sind laut Report Mainz aber mitnichten nur Krebs-Patienten. Auch in anderen Bereichen spitzt sich demnach die Situation zu. So umfasste die Umfrage zudem jeweils 20 Diabetes- und Schmerzkliniken. Das Ergebnis: Auch dort hat die Zahl der schweren Fälle in den vergangenen Monaten massiv zugenommen. So berichten 44 Prozent der Schmerzkliniken, dass sich der Zustand der Patienten deutlich verschlechtert habe. Jede zweite Diabetes-Klinik beklagt einen deutlichen Anstieg schwerer Fälle. 

Quelle: Tagesschau, ZDF, Dpa

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