Bedingte Zulassung für erstes Gentherapeutikum gegen Hämophilie A

Der Standard in der Behandlung von Patienten mit Hämophilie A sind Faktor-VIII-Präparate, die häufige Injektionen mit sich bringen. Für eine alternative Therapieoption empfiehlt die EMA nun die bedingte Marktzulassung: Roctavian ist ein Gentherapeutikum, das einmalig angewendet wird.

Hämophilie A ist eine seltene Erkrankung, bei der kein oder nur unzureichend Faktor-VIII gebildet wird. Die Folgen sind verstärkte Blutungsneigung bzw. längere und teils lebensbedrohliche Blutungen. In der EU sind 0,7 von 10.000 Menschen betroffen. Therapiert werden die Patienten häufig mit Faktor-VIII-Präparaten. Dabei können sich die monatlich bis mehrmals wöchentlich notwendigen Injektionen negativ auf die Lebensqualität auswirken. Neue Therapieansätze sind demnach gefragt.

Endogene Faktor-VIII-Produktion wiederherstellen

Valoctocogene Roxaparvovec (Roctavian) bietet einen solchen neuen Ansatz. Der Wirkstoff basiert auf einem Adeno-assoziierten Virus. Mit dessen Hilfe versucht man die genetische Information für den Faktor-VIII in Leberzellen zu bringen, um die endogene Produktion des Faktors wiederherzustellen. Dass das prinzipiell funktioniert, konnte der Hersteller BioMarin International Limited zuletzt in einer Phase-III-Studie zeigen. In der Studie war das Ansprechen der Patienten allerdings sehr individuell, d.h. die Mehrheit zeigte zwar einen Therapieerfolg, aber es gab auch Patienten, die überhaupt nicht oder nur in geringem Maße auf die Therapie ansprachen. Außerdem ist es bislang weitestgehend unbekannt, wie lange der Therapieeffekt anhält. Die längste Nachbeobachtung einer Studie dauerte fünf Jahre, nach denen noch positive Effekte gesehen werden konnten.

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Ziele der Therapie mit Roctavian sind, neben der Wiederherstellung der endogenen Faktor-VIII-Produktion, Blutungsereignisse und den Bedarf an Faktor-VIII-Präparaten zu verringern.

Leber häufig von Nebenwirkungen betroffen

Bei der Therapie mit Valoctocogene Roxaparvovec traten erhöhte Werte des Leberenzyms Alanin-Aminotransferase (ALT) auf. Dies war zu erwarten, da man erhöhte Leberwerte bereits bei anderen Studien mit Adeno-assoziierten Viren als Vektor gesehen hat. Diese Nebenwirkung lässt sich gut mit Corticosteroiden behandeln, wobei diese Wirkstoffklasse natürlich ihrerseits wiederrum unerwünschte Wirkungen verursachen kann.

Bewertung der EMA

Die EMA empfiehlt die bedingte Marktzulassung für Roctavian für Patienten mit schwerer Hämophilie A, die keine Faktor-VIII-Hemmkörper oder Antikörper gegen den Adeno-assoziierten Virus Serotyp 5 (AAV%) aufweisen. Ihre Entscheidung stützt die Europäische Arzneimittelagentur auf die Ergebnisse der erwähnten Phase-III-Studie. Bei der Mehrheit der Patienten waren die Faktor-VIII-Spiegel gestiegen und die Blutungsraten konnten um 85% gesenkt werden. Die meisten Patienten (128 von 134) benötigten während der Studie keine Faktor-VIII-Präparate mehr.
Die Patienten, die Roctavian erhalten haben, sollen für 15 Jahre nachbeobachtet werden, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Therapie zu überwachen.
Gefördert wurde Roctavian durch das PRIME-Programm der EMA. PRIME steht für Priority Medicines und ist für Arzneimittel gedacht, die das Potenzial haben, einen bislang ungedeckten medizinischen Bedarf zu decken. Das Programm bietet eine frühzeitige, verstärkte wissenschaftliche sowie regulatorische Unterstützung.
Das Kommitee für neuartige Therapien (Committee for Advanced Therapies, kurz CAT) der EMA, das auf zell- und genbasierte Therapien spezialisiert ist, prüfte alle verfügbaren Daten und kam zu dem Schluss, dass bei Roctavian der Nutzen die möglichen Risiken für Hämophilie-A-Patienten überwiegt.

Bedingte Zulassung

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der EMA (Committee for Medicinal Products for Human Use, kurz CHMP) teilte die positive Meinung des CAT und empfahl die bedingte Zulassung. Diese Möglichkeit zum Marktzugang bekam das 2016 als Orphan-Arzneimittel eingestufte Medikament aufgrund des ungedeckten medizinischen Bedarfs in der Therapie der schweren Hämophilie A. Bei einer bedingten Zulassung sind die vorliegenden Daten noch unvollständig. Kann der Hersteller ausreichend zusätzliche Daten liefern, ist es möglich die bedingte in eine volle Zulassung zu ändern.
Die Stellungnahme des CHMP geht im weiteren Verlauf an die Europäische Kommission, die letztlich entscheidet und einen Beschluss für eine EU-weite Genehmigung zum Inverkehrbringen fassen kann. Wird die Genehmigung erteilt, muss auf Ebene der Mitgliedsstaaten über Preis und Kostenerstattung entschieden werden. Gerade auch die Kostenfrage ist spannend, denn Global Data hatte im August 2021 geschätzt, dass sich der Preis für eine Dosis Roctavian in den USA und der EU auf drei Millionen US-Dollar belaufen könnte.

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