Ansteckend, aber keine Symptome? Forscher kennen jetzt Rolle der stillen Corona-Verbreiter

Forscher der Universität Bern wollten wissen, wie hoch der Anteil der asymptomatischen Überträger sind und welche Rolle sie in der Pandemie spielen. Ihre Ergebnisse widersprechen vorherigen Studien.

Während bei einigen Covid-19-Erkrankten schwere Infektionen auftreten können, die zu einer viralen Lungenentzündung, einem Lungenversagen oder gar zum Tod führen, entwickeln andere gar keine oder nur milde, unspezifische Symptome. Wie viele zu dieser letzten Gruppe gehören, ist für das Verständnis der Übertragung von Sars-CoV-2 und für die Entwicklung entsprechender Strategien zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung entscheidend.

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Dass viele Infektionen mit Sars-CoV-2 asymptomatisch verlaufen, die Betroffenen also keine oder unspezifische Symptome zeigen, ist schon lange bekannt. Diskutiert wird seither ihre Rolle bei der Verbreitung des Virus. So schreibt das Robert-Koch-Institut (RKI): „Schließlich gibt es vermutlich auch Ansteckungen durch Personen, die zwar infiziert und infektiös waren, aber gar nicht erkrankten (asymptomatische Übertragung). Diese Ansteckungen spielen vermutlich jedoch eine untergeordnete Rolle.“

Superspreader überwiegend Frauen unter 30, ohne Symptome

Japans Chef-Virologe Hitoshi Oshitani von der Tohoku-Universität in Sendai hatte dagegen in einer Studie festgestellt, dass Ausbruchsgeschehen („Superspreading-Events“) meist von jungen Infizierten ausgehen, die selbst kaum oder keine Symptome zeigen. Mit einem großen Forscherteam ging er der Frage nach, wie Infektionsschwerpunkte entstehen und wo das Risiko besonders hoch ist. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie auf der Seite des Fachmagazins „Emerging Infectious Diseases“ der amerikanischen Centers for Disease Control (CDC).

Die Wissenschaftler analysierten demnach in den Monaten Januar bis April Orte oder Situationen, wo sich viele Menschen gleichzeitig ansteckten. Die Forscher bezeichneten als Cluster, wenn fünf Infektionen an einem Ort zur gleichen Zeit entstanden. Ansteckungen innerhalb eines Haushalts wurden nicht berücksichtigt. Insgesamt untersuchten sie 61 solcher Cluster mit 3184 Infizierten. Altenheime, Fitnessstudios, Restaurants, Konzerthallen oder Karaoke-Bars gehörten zu den Hotspots. Nicht immer fanden die Forscher die eine Person, die einen Cluster-Ausbruch auslöste. Das gelang nur in 22 Fällen. Für die Verbreitung der hochinfektiösen Viren verantwortlich waren vor allem: Frauen unter 30, ohne Symptome.

Warum gerade Frauen die Viren stark verbreiten, konnten die Wissenschaftler um Oshitani nicht erklären. Warum die Superspreader zwischen 20 und 39 Jahre alt sind dagegen schon: enger Kontakt in geschlossenen Räumen mit schlechter Luftzirkulation, wo Menschen entweder schwer atmen (Fitnessstudios) oder sich bei Musik laut unterhalten oder selbst singen. Das ist auf Konzerten, in Clubs, Bars und Kneipen der Fall. Und hier treffen sich überwiegend jüngere Menschen.

Mehrere Studien warnen vor asymptomatischen Überträgern

Zu einem ähnlichen Ergebnis sind zuvor Forscher der Universität in Padua und des Imperial College in London gekommen. Sie testeten in dem im Februar unter Quarantäne gesetzten italienischen Ort Vò beinahe alle 3200 Einwohner.

Zu Beginn des Lockdowns waren nach ihren Untersuchungen 2,6 Prozent der 3200 Einwohner mit Sars-CoV-2 infiziert, einige Wochen später waren es nur mehr 1,2 Prozent. Doch 40 Prozent der Infizierten zeigten dabei keinerlei Symptome und nur wenige von ihnen entwickelten in den Tagen nach positiver Testung noch welche – was einmal mehr verdeutlichte, wie wichtig die Rolle der asymptomatischen Virusträger sei, wie die Wissenschaftler in ihrer im renommierten Fachmagazin „Nature“ veröffentlichten Studie schrieben.

Studie schätzt Anteil von symptomlosen Infektionen neu ein

Um den Anteil der Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren und nie Symptome entwickeln, sowie den Anteil der Menschen, die zum Zeitpunkt der Diagnose asymptomatisch sind, aber später Symptome entwickeln, besser zu verstehen, haben jetzt auch Forscher des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern zwischen Januar und Juni 2020 mit Hilfe einer Datenbank systematisch die Fachliteratur überprüft.

Mithin werteten sie 79 Studien mit empirischen Daten zu rund 6616 infizierten Personen aus, von denen 1287 als asymptomatisch definiert wurden, um den Anteil der Infizierten zu bestimmen, die nie Symptome entwickelten.

Die Übersichtsstudie, die sie im Fachmagazin „PLOS Medicine“ veröffentlichten, kam demnach zu einem anderen Ergebnis als die anderen Forscher: Sie schätzte auf Grundlage aller 79 Studien, dass nur 20 Prozent der Corona-Infektizierten während der Nachbeobachtung asymptomatisch blieben. Die Studie war allerdings nur begrenzt in der Lage, die Auswirkungen falsch negativer Testergebnisse zu ermitteln, wodurch der Anteil der asymptomatischen Infektionen unterschätzt werden könnte, mahnen die Forscher.

Prä- und nicht asymptomatische Überträger sind das Problem

Die Schätzungen aus den verschiedenen Studien weisen immer noch eine recht hohe Variabilität auf, weshalb das Berner Forschungsteam die vorliegende systematische Übersichtsstudie nun auch regelmäßig aktualisieren will, um neue Erkenntnisse aufzunehmen, sobald sich diese abzeichnen.

Weil jede infizierte Person zu Beginn asymptomatisch ist, wird der Anteil derjenigen, die später Symptome entwickeln, auf etwa 80 Prozent geschätzt. Personen, die sich in der präsymptomatischen Phase befinden, sind zwei oder mehr Tage bevor sie Symptome entwickeln infektiös. Das Fazit der Forscher lautet demnach: Die präsymptomatische Übertragung trägt erheblich zur Pandemie bei.

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Nicola Low, Letztautorin der Studie vom ISPM, erklärt: „Systematische Übersichtsarbeiten, die genaue Definitionen wirklich asymptomatischer Infektionen anwenden, sind unerlässlich. Unsere Studie legt nahe, dass die meisten Sars-CoV-2-Infektionen während des gesamten Infektionsverlaufs nicht asymptomatisch verlaufen.“  

Das RKI empfiehlt demnach: „Das Abstandhalten zu anderen Personen, das Einhalten von Hygieneregeln und das Tragen von (Alltags-)Masken (AHA-Regel) sind Maßnahmen, die insbesondere auch die Übertragung von (noch) nicht erkannten Infektionen verhindern.“

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