Kann man zu lange schlafen?


Feiertage, endlich! Eltern träumen davon, Kinderlose zelebrieren es: Ausschlafen, solange das Gehirn gewillt ist, die Augen zu schließen. Nach dem Aufstehen: das böse Erwachen. Trotz der Extraportion Schlaf verwandelt sich der Körper in eine träge Masse, die kaum von der Couch hochkommt.

Anscheinend wird der Körper nicht richtig wach, wenn wir neun, zehn oder gar zwölf Stunden geschlummert haben. Große Studien zu Langschläfern lassen sogar noch Schlimmeres vermuten. Wer im Durchschnitt lange schläft, wird demnach deutlich häufiger krank, entwickelt eher Rückenschmerzen, Depressionen, Herzleiden oder Diabetes. Sogar früher sterben sollen die Langschläfer.

Trotzdem ist Dieter Kunz davon überzeugt, dass zu viel Schlaf noch niemandem geschadet hat. „Diese Studien haben alle ihre Berechtigung“, sagt der Leiter der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. „Sie werden nur oft falsch interpretiert.“

Auch zwölf Stunden Schlaf können normal und gesund sein

Schlaf ist etwas sehr Individuelles. Wie viel Zeit wir optimalerweise im Bett verbringen, gibt der Körper vor. „Während der eine nur vier Stunden benötigt, kommt der andere am besten mit sieben Stunden zurecht“, sagt Kunz. „Sogar zwölf Stunden können gut und gesund sein.“

Warum das so ist, konnten Forscher noch nicht entschlüsseln. „Zum Teil liegen Vierstunden- und Neunstundenschläfer bei uns nebeneinander im Schlaflabor“, sagt Kunz. „Trotzdem sind wir noch nicht dahinter gekommen.“

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Entscheidend für die Frage nach gesundem Schlaf ist, wie man sich am Tag fühlt. „Bin ich fit, muss ich meine Gewohnheiten nicht ändern“, sagt Kunz. „Egal, ob ich vier oder neun Stunden schlafe.“ Wenn Forscher also beispielsweise in einer Studie mit Hunderttausenden Menschen herausfinden, dass der perfekte Schlaf 7,425 Stunden lang ist und ewiges Leben beschert, gilt das nur für den absoluten Durchschnittsmenschen. Es ist ähnlich wie mit Schuhen: Nur weil alle im Durchschnitt eine Größe von 42 tragen, passt diese noch lange nicht jedem.

Trotzdem haben viele Menschen durch Arbeit, Partner und Familie verlernt, ihrem eigenen Schlafrhythmus zu folgen. Wer herausfinden will, wie viel Schlaf sein Körper braucht, sollte sich laut Kunz an die Zeiten erinnern, als er 20 war. Wie lange hat man damals geschlafen, wenn man nicht abgelenkt wurde?

„In diesem Alter ist das Gehirn ausgereift und für eine bestimmte Schlafdauer gebaut“, sagt Kunz. „Die Frage nach dem Schlaf mit 20 stelle ich deshalb selbst 70-Jährigen. Die gucken dann zwar etwas schräg, aber ich bin ja der Arzt.“

Fehlt die Erinnerung, lässt sich die Frage auch auf die Gegenwart übertragen: Wann würde ich ins Bett gehen, wenn mich gar nichts ablenken würde? Kein Fernseher, kein Buch, kein Mensch? Und wann wieder aufstehen bei absoluter Langeweile?

Warum werden Langschläfer häufiger krank?

Dass Schlaf so individuell ist, spricht zwar dafür, dass Langschläfer nicht automatisch um ihre Gesundheit bangen müssen. Es erklärt jedoch noch nicht, warum sie in fast allen Analysen so viel häufiger erkranken.

Forscher haben deshalb immer wieder versucht, nachzuweisen, wie langer Schlaf schaden kann. Fündig wurden sie nicht, weder bei Studien im Labor noch bei Untersuchungen mit Menschen, wie Wissenschaftler 2015 im Journal „Neurology“ konstatierten.

Heute gehen Mediziner davon, dass der Zusammenhang zwischen Krankheiten und Schlaf umgekehrt ist. Nicht der Schlaf macht krank, sondern die Krankheiten stören den Schlaf und führen so dazu, dass die Betroffenen länger im Bett bleiben – selbst wenn sie von ihrer Krankheit noch nichts ahnen.



So können beispielsweise gefährliche Schlafstörungen wie Atemaussetzer oder unkontrollierte Bewegungen dazu führen, dass die Betroffenen morgens länger liegen bleiben. Das kann selbst bei Menschen vorkommen, die denken, dass sie gut schlafen.

„Ich hatte mal einen Manager bei mir im Schlaflabor, der nachts 800 Mal unkontrolliert seine Beine bewegt hat und 400 Mal aufwachte“, erzählt Kurz. „Trotzdem ist er davon ausgegangen, dass er gut schläft, weil er immer gleich wieder eingeschlafen ist und sich an nichts erinnern konnte.“

Die Folgen des gestörten Schlafs aber machten sich bemerkbar. „Am nächsten Morgen wundert man sich dann, dass die Verdauung noch nicht fertig ist und man nicht auf die Toilette kann“, sagt Kunz. „Dass man ständig krank wird, weil sich das Immunsystem nicht regenerieren konnte. Und dass man sich nicht konzentrieren kann, weil das Gedächtnis unwichtige Informationen nicht aussortieren konnte.“

Langes Schlummern kann also doch ein Warnzeichen sein, aber nur, wenn jemand auf einmal mehr Schlaf braucht als früher und sich trotzdem unausgeruht fühlt.

Die Müdigkeit am Wochenende

Bleibt noch die Frage, warum sich viele so kaputt fühlen, wenn sie nur mal am Wochenende richtig lange im Bett bleiben und eine Extraportion Schlaf ergattern. Manche Experten vermuten, dass das ungewohnte Ausschlafen die innere Uhr verstellt.

„Es scheint so, als könnte jede Abweichung vom normalen Schlafmuster – selbst das häufigere Drücken des Snooze-Buttons – den Rhythmus des Körpers durcheinander bringen und dadurch die Müdigkeit am Tag verstärken“, schreibt etwa die renommierte Harvard Medical School.

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Kunz sieht das anders – und will auch hier nicht den langen Schlaf verantwortlich machen. „Man kann nicht die ganze Woche Schindluder mit seinem Körper betreiben und dann hoffen, das es einem nach ein bis zwei Nächten wieder besser geht“, sagt er. „Das, was man dann merkt, sind oft die Nachwirkungen der Woche und hat mit dem aktuellen Schlaf rein gar nichts zu tun.“

Nur bei einer Wochenendaktivität sieht auch er eine Gefahr für die innere Uhr: Wenn wir lange feiern, erst im Morgengrauen ins Bett gehen und dann bis mittags schlafen. „Das ist, als würden Sie einmal nach New York fliegen und müssten am nächsten Morgen wieder in Moskau anfangen zu arbeiten“, sagt der Chronomediziner. Kein Wunder also, wenn man sich danach schlapp fühlt. Nach einiger Zeit ruckelt sich aber auch das wieder zurecht.

Fazit: Schlaf ist gut für den Körper, zu viel davon kann man nicht bekommen. Dass wir uns am Wochenende trotz langen Ausschlafens oft platt fühlen, liegt wahrscheinlich an den Nachwirkungen einer anstrengenden Woche.

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