Ewiges Streitthema: Was bringen Zahnspangen wirklich?

Ein Gutachten für das Gesundheitsministerium erregt die Gemüter. Die „Bild“ meldet eine von der Regierung bestätigte Abzocke bei Zahnspangen. Die Kieferorthopäden sind empört. Das Ministerium sagt, dass es den Nutzen von kieferorthopädischen Behandlungen keineswegs anzweifelt. Und die Kids mit Zahnspange? Sie wollen einfach schöne, gesunde Zähne.

Dem Bundesrechnungshof sind Zahnspangen ein Dorn im Auge. Jedes zweite Kind hat die Drähte im Mund, die Kiefer und Zähne in eine möglichst perfekte Stellung bringen sollen. Diese Versorgung wird bis zum 18. Geburtstag von den gesetzlichen Kassen übernommen und wird jedes Jahr teurer. 2017 schlugen kieferorthopädische (KFO-) Behandlungen mit 1,1 Milliarden Euro zu Buche. Rausgeschmissenes Geld, argwöhnte der Bundesrechnungshof schon im vergangenen Frühjahr, weil er den Sinn der Maßnahme bezweifelt. Es gäbe keine Beweis-Studien für den medizinischen Nutzen.

Unterstützung bekamen die Kassenprüfer damals von Zahnmedizinern wie Henning Madsen oder Alexander Spassov, die an schiefen Zähnen per se nichts Behandlungsbedürftiges entdecken können. Sie plädieren dafür, nur bei gesundheitlichen Problemen an eine Zahnspange zu denken. (FOCUS Online berichtete.)

Gutachten sagt: Nutzen ist nicht belegt – es könnte ihn aber geben

Das Bundesgesundheitsministerium hat daraufhin beim Berliner Institut IGES ein Gutachten in Auftrag gegeben, das den Nutzen der kieferorthopädischen Behandlungen von Zahnfehlstellungen bewerten sollte. Dieses Gutachten, das noch nicht veröffentlicht ist, kam laut „Bild“ zu einem vernichtenden Ergebnis: Es bestünden Zweifel, ob die Ausgaben den Kriterien der Wirtschaftlichkeit genügten. Und: keine Studie könne bis heute beweisen, ob die Behandlung eine langfristige Auswirkung auf die Mundgesundheit habe. Die Regierung würde die Zweifel bestätigen.

Das Hamburger Boulevardblatt sieht den Tatbestand von Abzocke durch Kieferorthopäden erfüllt.

Diese äußerten sich umgehend empört über den „Bild“-Bericht. Der Berufsverband Deutscher Kieferchirurgen wies den Vorwurf der „bestätigten“ Abzocke zurück und verwies seinerseits auf ein eigenes Positionspapier vom Mai 2018 zum Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen.

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Auch das Gesundheitsministerium sah sich zu einer Stellungnahme genötigt: „… Dass Zahnspangen die Morbidität (Karies, Parondontitis, Zahnverlust, etc.) verringern, kann zwar nicht belegt werden, ist aber laut IGES auch nicht ausgeschlossen. ….“

Spangen verbessern Fehlstellung und Lebensqualität

Eltern, die für die Zahnspangen-Therapie ihrer Kinder oft hohe Zuzahlungen und viel Zeit aufwenden, sind durch diesen Disput verunsichert.

Sie könnte aber zwei Aussagen des Gutachtens besonders interessieren, die in der Mitteilung vom Gesundheitsministerium erwähnt sind: 1. Die Lebensqualität verbessert sich nach der abgeschlossenen Behandlung. Und 2. Zahnfehlstellungen werden durch die Behandlung verbessert.

Nichts anderes ist die Absicht und das Ziel bei den meisten Spangenträgern. In einer Zeit, in der Attraktivität und körperliche Perfektion gesellschaftlich honoriert werden, möchte niemand Zähne haben, die von Natur aus wie Kraut und Rüben aus dem Kiefer wachsen. Denn Zähne, die wie eine Perlenkette im Mund sitzen, wirken schön und gepflegt. Ja, die ganze Person wird als attraktiv, beliebt und intelligent eingestuft. Das hat eine Studie am Londoner King's College vor einiger Zeit festgestellt.

Expertenrunde beim Gesundheitsminister soll Klärung bringen

Wie der Zahnspangen-Disput weitergeht, soll in den kommenden Wochen ein Expertengespräch im Gesundheitsministerium zeigen. Das Ministerium von Jens Spahn sieht momentan ohnehin den Spitzenverband der Gesetzlichen Kassen am Zug. Dieser müsse den Nutzen der kieferorthopädischen Behandlung bewerten und letztlich über die Kostenübernahme entscheiden.


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