Plastischer Chirurg erklärt: So viel Wahrheit steckt in dem Film „Wunder“

Der Spielfilm „Wunder“ erzählt von „Auggie“. Der Junge trägt meist einen Astronautenhelm, um nicht angestarrt zu werden wegen seiner Fehlbildung im Gesicht. Der plastische Chirurg Travis Tollefson erklärt, wie wahr die Geschichte ist – und was er aus dem Film gelernt hat.

Auggie, der mit schweren Gesichtsfehlbildungen geborene kleine Held des Films "Wunder" (Jacob Tremblay, Julia Roberts, Owen Wilson), der am 25. Januar in deutschen Kinos anlief, kann nach Auffassung eines Chirurgen vielen Menschen die Augen öffnen – für den Blick aufs Andersartige. „Auggie ist die Gesamtsumme der Gedanken, Gefühle und Erfahrungen eines jeden Kindes, das als anders eingestuft wird“, schreibt Travis Tollefson, Facharzt für Plastische und Unfallchirurgie an der University of California im US-Ärzteblatt „Jama“. Der Arzt hat zahlreiche Kinder wie Auggie operiert.

27 Operationen – um atmen,schlucken, blinzeln zu können

Die Hauptfigur im Film und in dem gleichnamigen Kinderbuch-Bestseller von R.J. Palacio hat eine seltene Erbkrankheit, das Treacher-Collins-Syndrom, das schwerste Fehlbildungen an Kopf und Hals mit sich bringen kann. Der blitzgescheite Auggie hat schon 27 Operationen hinter sich, als er als Fünftklässler erstmals eine Schule besucht und prompt zur Zielscheibe von Hänseleien und ungeniertem Gestarre wird. Als er endlich einen Freund findet, fragt der ihn, ob er schon mal über eine Schönheitsoperation nachgedacht habe. Auggie antwortet: „Hallo? Das ist nach der plastischen OP.“

dpa Diese Szene treffe ziemlich den Punkt, sagt Tollefson. Denn bei den Operationen für die betroffenen Kinder gehe es nicht darum, dass sie danach perfekt oder auch nur unauffällig aussähen. Vielmehr darum, dass sie überhaupt atmen, schlucken, essen, hören, blinzeln oder ihr Gesicht bewegen könnten. Die Zahl von 27 größeren und kleineren Operationen, um diese Funktionen zu ermöglichen, sei durchaus realistisch, sagt der Arzt.

 „Es bleibt eine Maske“

Im Film trägt der junge Schauspieler, Jacob Tremblay, eine Gesichtsprothese und Make-Up. Das sehe zwar auf den ersten Blick relativ echt aus, aber dem Gesicht fehle jegliche Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit, so Tollefson. „Es bleibt eine Maske.“ Auf eine Begegnung mit Treacher-Collins-Patienten im realen Leben bereite der Film deshalb nicht wirklich vor.

Das Syndrom, mit dem etwa eines von 50 000 Kindern auf die Welt kommt, gehört zu den seltenen Krankheiten. Der Gendefekt verhindert, dass sich Knochen und anders Gewebe normal entwickeln. Die Deformation tritt in unterschiedlich starken Ausprägungen an Gesicht, Kopf und Hals auf, andere Körperteile sind davon nicht betroffen. Auch die Intelligenz der Kinder ist in der Regel völlig normal.

Der Film zeigt, wie diese Kinder mit der Welt ringen müssen

„Als Gesichts- und Unfallchirurg habe ich mich durch Patientenbesuche und Operationen Schritt für Schritt an Andersartigkeit gewöhnt, aber 'Wunder' hat mir klar gemacht, dass ich diese Erfahrung noch nicht wirklich verinnerlicht hatte“, räumt der Arzt ein. Die Geschichte hätte ihm gezeigt, wie diese Kinder mit einer Welt ringen müssten, die Probleme hat mit Andersartigkeit. Und welche Kunst es sei, gleichzeitig reflektiert und empathisch zu bleiben gegenüber all denen, von denen sie wegen ihres Äußeren beurteilt werden.

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