"Auf die Neugeborenenstation lassen wir keine ungeimpften Geschwisterkinder"

Herr Schmitz, Sie sind Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und arbeiten an der Berliner Charité. Wann war Ihre letzte Impfung?
Das war vor fünf Jahren bei unserem Betriebsarzt –  eine Auffrischungsimpfung gegen Diphtherie, Tetanus, Polio und Keuchhusten.

Lassen Sie sich auch jedes Jahr gegen die Grippe impfen?
Das tue ich. Aus zwei Gründen: Ich kümmere mich um sehr empfindliche Patienten und muss mich selber schützen, um auch meine Patienten zu schützen. Und nicht zuletzt würde ich mit einer Grippe bis zu zwei Wochen ausfallen. Wenn es zeitgleich mehrere Kollegen auf der Station trifft, würde es zu Engpässen im Klinikbetrieb kommen.

Dr. Thomas Schmitz ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Neonatologe. Er ist Vater von zwei Söhnen und arbeitet als Oberarzt, Wissenschaftler und Dozent in der Klinik für Neonatologie an der Berliner Charité.

Über das Thema Impfen wurde zuletzt viel diskutiert, es erschien sogar ein impfskeptischer Kinofilm. Sie haben zusammen mit einem Journalisten ein Buch geschrieben, das sich ganz klar Pro Impfen positioniert. Warum?
Als Kinderarzt bekomme ich sehr viele Anfragen zu dem Thema und mein Eindruck ist, dass die meisten impfskeptischen Menschen keine echten Impfgegner sind. Sie haben stattdessen Informationsbedarf und stellen Fragen.

Informationsbedarf worüber? Die Ständige Impfkommission (Stiko) gibt Impf-Empfehlungen heraus, die jederzeit nachzulesen sind.
Das stimmt, aber das Thema ist komplexer. Die große Informationslücke erklärt sich nicht zuletzt durch den enormen Erfolg von Impfungen. Viele werdende Eltern kennen heute gar nicht mehr die Krankheiten, gegen die wir impfen – zum Beispiel Polio, also Kinderlähmung, oder auch Masern. Ich sage immer: Jeder Mensch, der so eine Krankheit erlebt hat – selbst oder im Familienkreis -, ist in der Regel sehr überzeugter Impf-Befürworter.

Hatten Sie selbst schon einmal mit Impfgegnern zu tun?
Das kommt vor, aber nur sehr selten. Die Befürworter sind in der großen Mehrzahl.

Wie gehen Sie mit beratungsresistenten Patienten um?
Wenn jemand wirklich fundamentalistisch ist, kann man nicht viel machen. Als Klinikarzt kann ich nur begrenzte Zeit Einfluss auf die Patienten, insbesondere die Eltern, nehmen. Wenn Behandlungen abgelehnt werden, versuche ich zu überzeugen. Aber an irgendeinem Punkt muss ich das akzeptieren und mich entsprechend darauf einstellen. Auf die Neugeborenenstation lassen wir zum Beispiel keine ungeimpften Geschwisterkinder. Das Risiko einer Ansteckung wäre für die ungeschützten Säuglinge zu groß.

Wie verunsichert sind Eltern, wenn es ums Impfen geht?
Viele haben Fragen. Ich persönlich finde Skepsis bei diesem Thema ja auch völlig angebracht. Es ist gut, Dinge zu hinterfragen und Informationen einzufordern. Nur irgendwann sollte man erkennen, wo der Wert von Impfungen liegt und eine Entscheidung treffen. Ein klares Pro für Impfungen ist meiner Meinung nach ohne Option.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass unter den Impfskeptikern viele Akademiker sind. Man könnte meinen, dass gerade gebildete Menschen es besser wissen müssten. Woran liegt das?
In einer Demokratie sind es die Menschen gewohnt, Dinge selber zu entscheiden und zu hinterfragen. Das ist eine sehr wichtige, gesunde Haltung. Und die Skepsis beim Thema Impfen hat beispielsweise dazu geführt, dass die Ständige Impfkommission (Stiko), die für Impf-Empfehlungen in Deutschland zuständig ist, heute viel transparenter arbeitet. Gerade gebildete Menschen wissen, dass Informationen manchmal von anderen Interessen gesteuert sein können. Aber wer anfängt, im Netz oder in der impfkritischen Ratgeber-Literatur selbst Antworten auf seine Impffragen zu suchen, gerät sehr schnell in die Impfgegnerblase mit all ihren Falschinformationen. Schwierig wird es, wenn dann aus Skepsis Ideologie wird und sich Menschen nicht einmal mehr mit stichhaltigen und unabhängigen Informationen umstimmen lassen. Aber noch einmal: Das gilt nur für wenige Menschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch kritische Akademiker-Eltern irgendwann sehen, dass alle nur das Beste für ihr Kind wollen. 

Dass viele Patienten misstrauisch gegenüber ärztlichen Empfehlungen sind, hängt sicher auch mit dem Zeitdruck in Praxen und Kliniken zusammen. Wie soll man Patienten ein so umfassendes Thema wie Impfen näherbringen, wenn nur wenige Minuten für die gesamte Behandlung vorgesehen sind?
Da gebe ich Ihnen Recht. Kurze Kontaktzeiten und häufig wechselndes Personal sind natürlich nicht vertrauensfördernd. Das Problem gibt es in Praxen wie auch in den Kliniken.

Zeitdruck versus umfassende Aufklärung – das klingt nach einer unlösbaren Aufgabe. Wie fangen Sie das im Alltag auf?
Ich versuche, die Fragen der Patienten in Ruhe zu beantworten, bin dabei konzentriert und präsent. Es ist wichtig, dass die Patienten merken: Der Arzt oder die Ärztin ist ganz bei ihnen und mit ungeteilter Aufmerksamkeit für ihr Anliegen da. Durch Personalwechsel im Schichtdienst kann es manchmal vorkommen, dass der behandelnde Arzt nicht im Haus ist. Dann verschieben wir wichtige Gespräche um ein oder zwei Tage.

Ein Hausarzt aus Niedersachsen hat vor kurzem Schlagzeilen gemacht, weil er Impfgegner aus seiner Praxis wirft. Eine gute Lösung?
Den Fall aus Niedersachsen kenne ich nicht, weiß aber von Kinderärzten, die das so handhaben. Ist das nachvollziehbar? Ich denke schon. Zum einen, weil das Vertrauen zwischen Arzt und Patienten erschüttert sein kann, wenn beide grundlegend verschiedene Meinungen zu diesem Thema haben. Und zum anderen – und das ist noch viel wichtiger – zum Schutz anderer Patienten. Diese Ärzte wollen nicht verantworten, dass ein Kind mit einer Masernerkrankung zu ihnen in die Praxis kommt und im Wartezimmer Säuglinge ansteckt, die noch nicht geimpft werden können. Ich verstehe jeden Arzt, der versucht, das zu verhindern. Masern sind eine schwere Erkrankung, die tödlich enden kann. 

Zum Weiterlesen: „Klartext: Impfen! – Ein Aufklärungsbuch zum Schutz unserer Gesundheit“ von Dr. med. Thomas Schmitz und Sven Siebert. Erschienen bei HarperCollins.

Fordern Sie eine Impfpflicht?
Ich glaube, eine Impfpflicht könnte schon deswegen sinnvoll sein, weil es oft vorkommt, dass Eltern die zweite Impfung gegen Masern-Mumps-Röteln vergessen und das Kind dann nicht ausreichend geschützt ist. Ebenso wichtig ist es aber, die Menschen mit dieser Impfpflicht nicht alleine zu lassen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass die anderen empfohlenen Impfungen weniger wichtig sind als die Masernimpfung und weggelassen werden könnten. Es muss mehr über Impfstoffe und Infektionskrankheiten informiert werden – am besten schon im Schulunterricht oder später in der Schwangerenfürsorge. Die Möglichkeiten, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Und das darf man auch, selbst wenn eine Impfpflicht vorhanden ist, nicht vernachlässigen.

Fürchten Sie eigentlich Kritik aus dem Impfgegner-Lager?
Bevor wir mit dem Schreiben des Buches angefangen haben, habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, mit wie viel Gegenwind wir zu rechnen haben. Ich habe beschlossen, das optimistisch zu sehen. Mit Anfeindungen im Netz könnte ich wohl leben, bin aber trotzdem froh, keinen Twitter- oder Facebook-Account zu haben.

Neu in Gesundheit



Quelle: Den ganzen Artikel lesen