Alkoholfreier Januar: Was bringen vier Wochen Verzicht für unsere Gesundheit?

Herr Prof. Dooley, nach Silvester wollen viele Menschen auf Alkohol verzichten. Beliebt ist zum Beispiel ein alkoholfreier Januar. Warum?

Alkohol schadet dem Körper und der Gesundheit. Das ist vielen Menschen bewusst. Eine solche Entscheidung ist ein Zeichen dafür, dass sie von sich glauben, in der Vergangenheit zu viel Alkohol konsumiert zu haben. Sonst müssten sie sich ja nicht vornehmen auf Alkohol zu verzichten. Das Bewusstsein ist also da. Umso mehr natürlich, weil die Weihnachtsfeiertage und Silvester noch sehr präsent sind – Tage, an denen für gewöhnlich etwas tiefer ins Glas geschaut wird.

Die entscheidende Frage ist: Bringt der Verzicht etwas – oder kann man es gleich bleiben lassen?

Hier lautet die Antwort ganz klar: Jeder Verzicht ist sinnvoll und wichtig. Alkohol ist ein Gift und stresst die Körperzellen, insbesondere Zellen der Leber, die für den Stoffwechsel verantwortlich sind. Die Leber ist das Organ, das Alkohol verstoffwechselt und abbaut. Dabei schädigt jedes einzelne Alkoholmolekül die betroffene Leberzelle.

Prof. Dr. Steven Dooley arbeitet als Professor für Molekulare Hepatologie an der Medizinischen Fakultät Mannheim (Universität Heidelberg). Dooley forscht zu den Auswirkungen von Alkohol auf die Leber.

Jedes einzelne Molekül?

Ja, genau. Beim Abbau jedes einzelnen Alkoholmoleküls entstehen Abbauprodukte, die Leberzellen unter Stress setzen. Treffen nun zu viele Moleküle gleichzeitig ein, wird die Leberzelle so stark geschädigt, dass sie abstirbt. Es kommt zum Zelltod. Dabei entsteht eine Wunde, die vernarben kann. Das ist durchaus mit einer Schnittwunde in der Haut vergleichbar. Das Problem  ist die Chronizität. Das heißt: Anders als bei dem Schnitt in der Haut kommt der wundverursachende Einfluss, zum Beispiel chronischer Alkoholmissbrauch, immer wieder und das Organ vernarbt im Laufe der Zeit.

Was bedeutet das auf die Leber bezogen?

Das Organ kann zusehends seiner eigentlichen Aufgabe nicht mehr nachgehen: Stoffwechselprodukte aufbauen, abbauen und ausscheiden. Es bildet sich eine Zirrhose, im schlimmsten Fall droht akutes Leberversagen. Ist die Leber bereits schwer geschädigt, ist auch das Risiko für Leberkrebs erhöht.

Das gilt aber doch sicher nur für schwere Trinker.

Nicht ausschließlich. Die Leber kann auch durch Hepatitis-Erreger, Gifte, eine ungesunde Ernährung oder Medikamentenmissbrauch schweren Schaden nehmen. Die alkoholische Zirrhose ist das Ergebnis einer kontinuierlichen, fortschreitenden Schädigung und tritt am häufigsten bei regelmäßigem riskantem Alkoholkonsum auf. Aber auch einige Gelegenheitstrinker sind besonders gefährdet, selbst bei moderatem Konsum.

Woran liegt das?

Es gibt persönliche Risikofaktoren, die den schädigenden Effekt des Alkohols multiplizieren. Ein Beispiel dafür ist eine Hepatitis C-Virusinfektion. Liegt eine solche vor, ist das Risiko nach Alkoholkonsum Leberkrebs zu entwickeln um ein Vielfaches erhöht. Zu weiteren möglichen Risikofaktoren wird aktuell geforscht. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Entzündungsbotenstoffe oder eine genetische Veranlagung.

Wie lange sollte mindestens auf Alkohol verzichtet werden, damit die Leber davon profitiert?

Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Ich würde davon abraten, ein halbes Jahr lang durchgehend Alkohol zu konsumieren und dann vier Wochen Pause zu machen, quasi wie eine Art Kur. Stattdessen rate ich: Legen Sie ein bewusstes Verhalten an den Tag, achten Sie auf Ihr Wohlbefinden, setzen Sie mit dem Alkohol immer mal wieder für eine gewisse Zeit aus und beweisen Sie sich selbst, dass Sie das können. Hilfreich ist sicher auch die Vorgabe bei Alkoholkonsum immer mindestens die gleiche Menge Wasser zu trinken. Ansonsten gelten die Regeln für einen moderaten Konsum: Männer sollten am Tag nicht mehr als 20 Gramm Alkohol trinken. Das entspricht etwa einem Viertelliter Wein oder einem halben Liter Bier. Für Frauen gilt die Hälfte als akzeptabel. Außerdem sollten in der Woche mindestens zwei bis drei Tage alkoholfrei bleiben. Aber auch diese Richtlinien sind im Hinblick auf die vorstehend genannten Risikofaktoren sorgfältig abzuwägen. Es gibt Konstellationen wo das bereits zu viel ist, etwa einer Hepatitis C Vorbelastung.

Was ist eine Leberzirrhose?

Bei einer Leberzirrhose wird das Gewebe der Leber zerstört und in Bindegewebe verwandelt. Mit Fortschreiten der Krankheit kann die Leber das Blut nicht mehr richtig entgiften. Eine Zirrhose erhöht das Risiko für Leberkrebs.

Welche Risikofaktoren sind bekannt?

Einer Leberzirrhose geht eine chronische Lebererkrankung voraus. Sie kann seit Jahren, aber auch Jahrzehnten bestehen. Viren, Giftstoffe und Stoffwechselerkrankungen schädigen die Leber und locken Entzündungszellen aus dem Blut an. Sie siedeln sich in dem Organ an und schädigen es weiter. Experten schätzen, dass etwa 60 Prozent der Krankheitsfälle durch übermäßigen Alkoholkonsum entstehen.

Was sind die Symptome?

Oft wird eine Leberzirrhose zufällig diagnostiziert – durch eine Ultraschalluntersuchung oder auffällige Leberwerte im Rahmen einer Blutuntersuchung. Der Grund: Eine Leberzirrhose macht sich erst in einem fortgeschrittenen Stadium bemerkbar. Betroffene sind oft müde, abgeschlagen und nicht so leistungsfähig wie früher. Einige Patienten klagen außerdem über ein Druckgefühl im Oberbauch, Blähungen und Übelkeit. Sind bereits große Teile der Leber zerstört, bekommen Patienten eine Gelbsucht, sie sind kurzatmig und entwickeln Wassereinlagerungen in Bauch und Beinen.

Wie häufig ist eine Zirrhose?

Jährlich erkranken etwa 250 von 100.000 Menschen neu an einer Leberzirrhose. Männer sind etwa doppelt so oft davon betroffen wie Frauen.

Ist sie heilbar?

Nein. Allerdings kann der Arzt das Fortschreiten der Erkrankung verhindern, wenn er die Ursachen für die zugrundeliegende Krankheit kennt. Bei einer alkoholbedingten Zirrhose ist es wichtig, dass Patienten Alkohol konsequent meiden. In schweren Fällen ist eine Lebertransplantation die einzige Chance auf Heilung.

Ist ein Verzicht besser als ein moderater Konsum über längere Zeit?

Ja, auf jeden Fall.

Auch wenn dieser Verzicht nur temporär ist, sagen wir für ein paar Monate?

Dann ist es besser, als diese paar Monate nicht zu verzichten. Das steht außer Frage.

Einige Menschen berichten, sie würden sich ohne Alkohol besser fühlen. Ist das nur Placebo?

Mit Sicherheit nicht. Wer auf Alkohol verzichtet, schläft besser und tiefer und fühlt sich demnach fitter und besser erholt. Das gilt aber nur für Menschen, die nicht alkoholabhängig sind. Süchtige können sogar lebensgefährliche Nebenwirkungen bekommen, wenn sie von heute auf morgen mit dem Trinken aufhören. Hier sollte ein Arzt zu Rate gezogen werden.

Alkohol schädigt die Leber, darüber hatten wir schon gesprochen. Wo richtet Alkohol sonst noch Schaden an?

Es existieren rund 200 Erkrankungen, die alkoholbedingt sind. Hochprozentiger Alkohol kann zum Beispiel mechanische Schäden an der Oberfläche des Hals-Rachen-Bereichs hervorrufen. Regelmäßig konsumiert, erhöht er das Risiko für Krebstumore in diesem Bereich. Und nicht zu vergessen sind natürlich die vielen Krankenhausaufenthalte, die indirekt auf Alkohol zurückzuführen sind: Autounfälle, Stürze, Schlägereien.

Woran merken Betroffene, dass sie zu viel Alkohol trinken?

Körperlich merkt man es oft erst dann, wenn es schon zu spät ist und die Leber irreversiblen Schaden genommen hat. Es kann hilfreich sein, den eigenen Konsum kritisch zu hinterfragen: Wie sehe ich selbst mein Trinkverhalten? Machen sich Freunde und Familie womöglich Sorgen? Kann ich für längere Zeit auf Alkohol verzichten, ohne dass es mir schwerfällt? Im Netz gibt es dazu auch Fragebögen, die eine Selbsteinschätzung erleichtern können.

Gibt es denn so etwas wie das gesunde Glas Wein am Abend?

Das gibt es nicht – aus einem einfachen Grund: Alkohol ist ein Gift, und ein Gift kann von Natur aus nicht gesund sein. Natürlich ist die Situation komplexer gelagert. Etwas Wein am Abend kann auch zur Lebensqualität beitragen und das Wohlbefinden unterstützen. Das hat nichts mit Alltagsflucht zu tun, sondern mit Genießen. Und das wiederum kann der Gesundheit guttun. Wenn wir von dem „gesunden Glas Wein“ sprechen, gibt es zwei unterschiedliche Pole: einerseits das bewusste, wohltuende Genießen, andererseits die biochemische Belastung. Zieht man nur Letzteres in Betracht, muss man ganz klar sagen: Alkohol ist toxisch.

Wie halten Sie es denn selbst mit dem Alkohol?

Hin und wieder trinke ich ein Gläschen zum Essen. Oder öffne am Wochenende eine Flasche Wein, die ich zusammen mit meiner Frau trinke. Über das Wochenende verteilt. Auf Hochprozentiges verzichte ich weitgehend. Bei mir stehen der Geschmack, die Qualität und der Genuss im Vordergrund. Nicht der Pegel.


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