Warum so schmallippig?

Stellen wir uns einen Mann vor, der mit Anfang 50 zweifelnd an seinem Penis runterguckt und seufzt: „Ach, würdest du doch wieder aussehen wie damals mit zwölf.“ Eine absurde Vorstellung bei Männern – bei Frauen dagegen weit weniger.

Die Intimchirurgie freut sich über eine wachsende Zahl von Patientinnen, Schönheitsoperationen an den weiblichen Genitalien liegen im Trend. „Eingriffe wie die Schamlippenverkleinerung sind heutzutage sehr populär, da sie auch nach mehrfachen Geburten ein jugendliches, ansprechendes Äußeres der weiblichen Genitalien reproduzieren können“, heißt es auf der Internetseite einer Praxis für Plastische Chirurgie. Auch untenrum möge die Frau bitte so jung und glatt wie möglich aussehen.

400 verschiedene Vulven – alle normal

Kritiker machen die Porno-Industrie für diesen Trend verantwortlich, hier werden Vulven im kindlichen Brötchenlook als Ideal verkauft. Frauen und junge Mädchen wollen aber nicht zwingend wie Porno-Stars, sondern vor allem „normal“ aussehen. Doch was ist bitte normal? Hier gibt es nur einen Konsens: Sichtbare innere Schamlippen entsprechen nicht der Norm, denken die meisten von uns – doch das stimmt nicht.

Die „Great Wall of Vagina“, ein bereits vor mehreren Jahren entstandenes Kunstwerk des Briten Jamie McCartney, veranschaulicht das: Hier versammeln sich 400 Abdrücke von völlig unterschiedlich aussehenden Vulven – und sie alle sind normal. Das ist die Botschaft des Künstlers („Ich mag Schamlippen!“), der das von der plastischen Chirurgie propagierte Ideal der kindlichen Vulva kritisiert: „Das ist Faschismus. Hier investiert eine ganze Branche darin, dass Frauen sich schlecht fühlen.“

Ob innere Schamlippen oder die Klitoris zu sehen sind oder nicht, hat nichts mit dem Alter oder gar einer Abnormität zu tun. Es ist schlicht und einfach Veranlagung.

Unperfekt und optimierungswürdig?

Ausgerechnet die Deutsche Gesellschaft für Intimchirurgie und Genitalästhetik e.V. (DGIntim) bestätigt mit einer Umfrage unter 104 Frauen im Alter von 16 bis 64 diese Beobachtung: „Es ist durchaus ’normal‘ – im Sinne von ’nicht krankhaft vergrößert‘ und ‚kein Einzelfall‘ -, wenn die inneren Schamlippen sogar länger als 2 cm zwischen den äußeren Schamlippen herausragen und/oder die Klitorishaut einen deutlich sichtbaren Hautüberschuss aufweist. Die Umfrage hat ergeben, dass nur bei knapp einem Drittel unserer Teilnehmerinnen die inneren Schamlippen völlig von den äußeren bedeckt sind, und bei nur knapp 40 Prozent die Klitorishaut von vorne nicht zu sehen ist.“

Deutlich wird das auch in der Labia Library der Women’s Health Victoria in Australien oder beim Labia Project. Hier zeigen ganz normale Frauen ihre ganz normalen Genitalien. Und einige beschreiben, wie lange sie gebraucht haben, um den Anblick ihrer sichtbaren inneren Schamlippen zu akzeptieren.

Wieder einmal zeigt sich: Frauen nehmen ihren Körper als unperfekt und optimierungsbedürftig wahr, während gegenüber Männerkörpern eine größere Toleranz zu herrschen scheint. Doch woran liegt das? An der über Jahrtausende von Männern dominierten und auf Männer ausgerichtete Medizin, die die Frau bis heute als Abweichung von der Norm versteht? Oder daran, dass das weibliche Geschlecht übertherapiert wird, wie Christine Wolfrum und Luitgard Marschall in ihrem Buch behaupten?


Sobald ein Mädchen in die Pubertät kommt, steht der erste Frauenarztbesuch an: Ist auch wirklich alles normal? So geht es jährlich weiter, als Schwangere sitzt man dann gefühlt neun Monate lang beim Gynäkologen, und spätestens in den Wechseljahren wird einem die nächste Dauerkarte ausgehändigt. Der weibliche Unterleib ist offensichtlich behandlungsbedürftig und störanfälliger als ein in die Jahre gekommener Atomreaktor. Wer mit dieser Einstellung aufwächst, findet es völlig plausibel, dass bei den eigenen Genitalien auch äußerlich Optimierungsbedarf besteht.

Enger geht’s nicht

Ein weiterer beliebter chirurgischer Eingriff ist die Vagina-Verengung, die auch als Vagina-Verjüngung bezeichnet wird. Während die Schamlippenverkleinerung Frauen aller Altersstufen anspricht, ist die Verengung etwas für Frauen, die zum Beispiel nach einer Geburt das Gefühl haben, dass ihre Vagina zu weit ist und sie dadurch für den Partner nicht mehr sexuell attraktiv sind. Als Gegenmaßnahme werden Hyaluronsäure oder Eigenfett in das Vaginalgewebe gespritzt. Auch ein chirurgischer Eingriff ist möglich, um die Vagina enger zu machen. Auf eine Vaginalgeburt möge man danach aber bitte verzichten, die würde das ganze Kunstwerk zerstören.

„Es ist offensichtlich naheliegender, den weiblichen Körper zu ändern, anstatt die Form der Sexualität zu ändern“, sagt die Soziologin Anna-Katharina Meßmer, Expertin für Intimchirurgie.

Doch für wen unterziehen sich Frauen so einem Eingriff? Tun sie es ihren Männern zuliebe? Meßmer hält das für einen rhetorischen Kurzschluss. Ihrer Meinung nach sind die gesellschaftlichen Idealvorstellungen ausschlaggebend, wie sie etwa in Witzen vorkommen – Beispiel: ‚Als würde man eine Salami in den Hausflur werfen.‘ „Es gibt eine gesellschaftliche Narration darüber, die immer zulasten der Frau geht und eben nicht zu Lasten des Mannes“, sagt Meßmer. „Das halte ich für prägender als die Partnerschaft.“

Finger weg von der erogenen Zone

Natürlich sollte sich jeder, der unter Schmerzen leidet oder sich im Alltag beeinträchtigt fühlt, im Genitalbereich operieren lassen können. Aber die Rechnung, dass eine „optimierte“ Vulva oder Vagina zu einem besseren Sexleben führt, geht nicht unbedingt auf. Jede Operation birgt Risiken, es kann zu Infektionen und Wundheilungsstörungen kommen, darüber hinaus sind Vernarbungen, Verwachsungen oder Verhärtungen eine mögliche Folge – und das alles mitten in der erogenen Zone der Frau.

Noch gibt es keine Langzeitstudien über die Folgen der Intimchirurgie. Es kann aber passieren, dass Frauen mit gestraffter Vulva oder verengter Vagina weniger empfinden oder gar nicht mehr berührt werden möchten.

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