Doch gesundheitsschädlich? Studie, die rotes Fleisch freisprach, ist mit Vorsicht zu genießen

Eine neue Studie gab überraschend grünes Licht für rotes Fleisch. Anders als bisher von der Forschung postuliert, hätte ein übermäßiger Verzehr keine gesundheitlichen Folgen. Jetzt zeigte sich jedoch, dass die Ergebnisse der Untersuchung mit Vorsicht zu genießen sind.

Der Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch sei gesundheitlich unbedenklich, der Verzicht mindere das Risiko für Herzerkrankungen, Krebs oder Diabetes allenfalls geringfügig. Das war das überraschende Ergebnis einer internationalen Studie, die Anfang Oktober veröffentlicht wurde. Damit stellten die Forscher alle bisherigen Untersuchungen, die ausdrücklich vor einem übermäßigen Konsum und dessen Folgen warnten, in Frage.

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So stuften Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2015 in einem aufsehenerregenden Bericht rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, verarbeitetes als „krebserregend“. Seit jeher kritisiert auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) den hierzulande überdurchschnittlich hohen Verzehr von rotem Fleisch und Fleischerzeugnissen, die im Verdacht stehen, Darmkrebs zu begünstigen. Und das Deutsche Diabetes-Zentrum erklärte noch vor zwei Monaten, dass eine fleischarme Kost das Risiko für Diabetes senke.
Alles nur Panikmache?

Schon 2016 fiel Studienleiter Johnston mit fragwürdigen Empfehlungen auf

Nein, vielmehr sei die neue Studie mit Vorsicht zu genießen – insbesondere, wenn man sich den Lebenslauf des kanadischen Studienleiters Bradley C. Johnston genauer anschaut, wie die „New York Times“ rät.

Denn der soll in der Vergangenheit engen Kontakt zur Fleisch- und Lebensmittelindustrie in den USA gepflegt haben. So sei Johnston bereits 2016 mit einer ähnlichen Studie aufgefallen, die die gesundheitlichen Folgen von Zucker herunterspielte – und ebenso wie die aktuelle Arbeit in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Annals of Internal Medicine“ erschien.

Es stellte sich heraus, dass jene Studie von dem US-amerikanischen „International Life Science Institute“ (ILSI) finanziert wurde – einer Lobbyorganisation, die von der Agrar-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie unterstützt wird. Gegründet wurde sie vor gut 40 Jahren von Alex Malaspina, dem einstigen Vorstand von Coca-Cola. Zu ihren Mitgliedern zählen nach Angaben der „New York Times“ neben Coca-Cola unter anderem McDonald’s, PepsiCo und Cargill, einer der größten Fleischverarbeiter in den USA.

Schon lange kritisiert die WHO, dass das ILSI gesundheitliche Empfehlungen von offiziellen Stellen untergraben würde, um die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten.

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Johnston rechtfertigt sich: „Absolut keine Beziehungen mehr“

Dass Johnston seine vergangene Beziehung zum ILSI in der aktuellen Studie verschwieg, ließ die „New York Times“ aufhorchen. In einem Interview konfrontierte sie den Epidemiologen damit. Dieser erklärte, er habe keine Angaben dazu gemacht, weil er nur potenzielle Interessenkonflikte aus den vergangenen drei Jahre hätte offenlegen müssen. Dass die Studie aus 2016 noch in diesen Zeitrahmen falle, rechtfertigte Johnston damit, dass er das Geld vom ILSI 2015 erhalten habe. „Damit ist es länger als drei Jahre her. Ich habe absolut keine Beziehung zu ihnen“, sagte er der „New York Times“.

„Medizinische Fachzeitschriften verlangen eine Offenlegung und es ist immer ratsam, das lückenlos zu tun. Schon allein aus dem Grund, um nicht in die Bredouille zu kommen, wenn am Ende doch etwas herauskommt, das verschwiegen wurde“, erklärte Marion Nestle, Professorin für Ernährungswissenschaften an der Uni New York, gegenüber der „New York Times“.

Weiter sagte Nestle: „Selbst, wenn das ILSI mit der aktuellen Studie nichts zu tun hat – und es gibt meines Wissens keinen Beweis dafür, dass dies der Fall ist – lässt Johnstons vorherige Studie doch vermuten, dass er Karriere damit macht, konventionellen Ernährungsempfehlungen zu widersprechen.“

Experten raten, an bisherigen Ernährungsempfehlungen festzuhalten

Auch in Deutschland wurde Kritik an der Studie laut, etwa vom Karlsruher Max Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel. Die Experten bemängelten vor allem die Methodik der Studie: „Ein weiterer Kritikpunkt an der Arbeit ist die Bewertung der Studienqualität anhand von Kriterien, wie sie für die Bewertung klinischer Studien angewandt werden.“

Die Gruppe sichtete in Datenbanken alle medizinischen Studien zum Thema, die bis Juli 2018 erschienen waren. Deren Ergebnisse bewertete sie mit einem Ansatz, der die Methoden, die Qualität der Daten und die Berücksichtigung von Einflussfaktoren einschloss und daraus ableitete, wie valide die jeweiligen Resultate sind. Ernährungswirkungen seien allerdings nicht mit Arzneimittelwirkungen vergleichbar und erforderten deshalb angemessenere Bewertungskriterien, erklärte das Institut. 

Von der Empfehlung Johnstons und Co., an seinen Essgewohnheiten nichts zu ändern, hält das Institut indes nichts:  „Diese Schlussfolgerung ist in Anbetracht der Prävalenz ernährungsmitbedingter Erkrankungen kontraproduktiv und widerspricht den Empfehlungen aller nationaler und internationaler Ernährungsinstitutionen.“

Skeptisch äußerte sich auch Stefan Kabisch vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung: „In der Ernährung hängt vieles mit vielem zusammen. Da ist es nicht leicht, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge herzustellen.“

Er plädiert nicht dafür, die bisherigen Ernährungsempfehlungen zu ändern. Stattdessen sieht er in der nun vorgelegten Arbeit höchstens einen Impuls dafür, mehr hochwertige Studien zu den Zusammenhängen zwischen Ernährung und Gesundheit durchzuführen.

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